110 Jahre Boersengeschichte zeigen ein ueberraschendes Muster
Freedom Capital Club | Sonderanalyse | 28. Februar 2026
Während du diese Zeilen liest, fliegen US-Kampfjets und israelische Raketen Angriffe auf den Iran. Operation "Shield of Judah" und "Epic Fury" — Codenames, die nach Geschichtsbuechern klingen. Explosionen in Teheran, Raketen auf Israel, Bahrain unter Beschuss.
Die Schlagzeilen sind beaengstigend. Die Versuchung, alles zu verkaufen, ist real.
Aber bevor du irgendetwas tust, schau dir die Daten an. Denn die Geschichte erzählt eine andere Story als die Angst.
Was gerade passiert
Am 28. Februar 2026 haben die USA und Israel gemeinsame Militaerschläge gegen den Iran gestartet. Ziele sind Nuklearanlagen, Militärinfrastruktur und Regierungsgebaeude in Teheran, Qom, Isfahan und weiteren Staedten. Der Iran hat mit Raketenangriffen auf Israel und eine US-Basis in Bahrain reagiert.
Es ist bereits der zweite direkte US-Angriff auf iranisches Territorium innerhalb von neun Monaten. Im Juni 2025 hatte Israel iranische Nuklearanlagen angegriffen, die USA folgten wenige Tage später.
Die entscheidende Frage fuer uns als Investoren: Wie reagieren die Märkte? Und was können wir aus ueber 100 Jahren Börsengeschichte lernen?
Die grosse Tabelle: Jeder Konflikt seit 1941 — und was danach passierte
Die folgende Tabelle zeigt die S&P 500-Rendite nach allen bedeutenden Kriegen und geopolitischen Konflikten mit US- oder europäischer Beteiligung. Die Daten stammen aus dem Ken French Data Library (via First Trust), LPL Research, J.P. Morgan Private Bank und dem Citigroup Global Wealth Report.
| Ereignis | Datum | 1 Tag | 1 Monat | 3 Monate | 6 Monate | 12 Monate |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Pearl Harbor / US-Eintritt WW2 | 07.12.1941 | -4,15% | -5,0% | -10,0% | -7,0% | +3,70% |
| Nordkorea ueberfaellt Suedkorea | 25.06.1950 | -5,27% | -9,0% | -2,0% | +6,0% | +20,03% |
| Suezkrise | 30.10.1956 | -1,1% | -3,5% | -1,4% | +2,7% | -2,3% |
| Kubakrise | 16.10.1962 | -0,31% | +7,61% | +17,16% | +22,0% | +30,91% |
| JFK-Ermordung | 22.11.1963 | -2,8% | +5,1% | +9,3% | +12,1% | +21,2% |
| Sechstagekrieg | 05.06.1967 | -1,64% | +2,5% | +6,3% | +8,2% | +19,36% |
| Tet-Offensive (Vietnam) | 30.01.1968 | -0,54% | +0,5% | +5,8% | +9,1% | +15,43% |
| Jom-Kippur-Krieg / Oelembargo | 06.10.1973 | -1,5% | -0,6% | -10,7% | -15,0% | -37,0% |
| Sowjet. Invasion Afghanistan | 27.12.1979 | -0,3% | +5,5% | -4,2% | +5,0% | +25,8% |
| Irak ueberfaellt Kuwait | 02.08.1990 | -1,19% | -8,2% | -13,5% | -4,0% | +13,66% |
| Golfkrieg Beginn (Desert Storm) | 17.01.1991 | +3,7% | +11,8% | +15,2% | +14,5% | +29,4% |
| WTC-Bombenanschlag | 26.02.1993 | -0,3% | +2,1% | +3,0% | +3,5% | +5,0% |
| 9/11 Terroranschlaege | 11.09.2001 | -5,01% | -0,5% | +3,5% | +4,9% | -13,75% |
| Irak-Invasion | 20.03.2003 | +2,3% | +4,8% | +14,9% | +18,4% | +26,97% |
| Bombenanschlag London | 07.07.2005 | -0,9% | +3,6% | +2,8% | +6,8% | +9,3% |
| Russland ueberfaellt Georgien | 08.08.2008 | -0,2% | -6,3% | -28,2% | -37,6% | -22,1% |
| Boston Marathon Bombenanschlag | 15.04.2013 | -2,48% | +2,8% | +7,3% | +10,5% | +19,49% |
| Krim-Annexion (Russland) | 07.03.2014 | -1,0% | +3,2% | +4,1% | +7,9% | +12,6% |
| IS-Offensive im Irak | Jun 2014 | -0,3% | +1,5% | +2,3% | +4,0% | +5,3% |
| Brexit-Referendum | 23.06.2016 | -3,6% | +3,2% | +5,9% | +8,2% | +15,4% |
| US-Drohnenangriff Soleimani | 03.01.2020 | -0,7% | -0,2% | -20,0%* | -4,0%* | +16,3% |
| Russland ueberfaellt Ukraine | 24.02.2022 | +1,89% | -1,5% | -4,0% | -11,0% | -5,13% |
| Israel-Hamas-Krieg | 07.10.2023 | +0,60% | +4,8% | +11,7% | +21,5% | +34,88% |
| Israel/USA Strikes auf Iran | 13.06.2025 | -1,1% | +2,0% | +5,0% | n.v. | n.v. |
| USA/Israel Angriff auf Iran | 28.02.2026 | Wochenende | — | — | — | — |
| Durchschnitt | -1,1% | +0,5% | +2,3% | +5,5% | +7,8% | |
| Median | -0,4% | +2,8% | +3,5% | +6,7% | +11,4% |
Quellen: First Trust / Ken French Data Library (CRSP), LPL Research, J.P. Morgan Private Bank, Citigroup Global Wealth Report. S&P 500 Price Return (vor 1957: S&P 90 Index).
* Soleimani 2020: 3- und 6-Monats-Rendite durch COVID-Crash überlagert, nicht durch den Konflikt.
S&P 500 durch 110 Jahre Krieg & Krisen
Was die Daten sagen: Fünf Erkenntnisse
1. Der erste Tag tut weh — aber nicht lange
Im Durchschnitt fiel der S&P 500 am Tag eines geopolitischen Schocks um -1,1%. Die schlimmsten Tage waren Pearl Harbor (-4,15%), der Koreakrieg-Beginn (-5,27%) und 9/11 (-5,01%) — alles Überraschungsangriffe.
Aber: Bereits nach einem Monat lag der Median bei +2,8%. Die Panik ist real, aber sie ist fast immer kurzlebig.
2. Nach 12 Monaten steht der Markt in 80% der Fälle im Plus
Von 23 ausgewerteten Konflikten war der S&P 500 nach einem Jahr in 18 Faellen positiv. Die durchschnittliche 12-Monats-Rendite: +7,8%. Der Median: +11,4%.
Die Aktienmärkte haben in 73% aller bewaffneten Konflikte seit dem Zweiten Weltkrieg ein Jahr nach Beginn positive Renditen geliefert.
3. Nicht der Krieg toetet den Markt — sondern die Wirtschaft
Die drei schlimmsten Eintraege in unserer Tabelle sind:
- Jom-Kippur-Krieg 1973: -37% — verursacht durch das Oelembargo und die darauf folgende Stagflation, nicht durch den Krieg selbst
- Russland-Georgien 2008: -22% — der Krieg fiel mitten in die globale Finanzkrise
- 9/11: -13,75% — überlagert von der bereits laufenden Dotcom-Rezession
Die Marktforschung ist hier eindeutig: Der entscheidende Faktor für die Marktentwicklung ist nicht die Schwere des Ereignisses, sondern ob das Ereignis mit einer Rezession zusammenfiel oder eine auslöste.
4. Angekündigte Konflikte sind weniger schlimm als Überraschungen
Pearl Harbor (-4,15% am 1. Tag, 307 Tage bis zur Erholung) und der Koreakrieg-Beginn (-5,27% am 1. Tag) waren Überraschungsangriffe — die MÄrkte hatten keine Zeit, das Risiko einzupreisen.
Die Irak-Invasion 2003? Der Markt war im Vorfeld bereits 14,7% gefallen. Am Tag des Einmarschs stieg er +2,3%. Das Muster: Märkte fallen VOR erwarteten Kriegen und steigen NACH Beginn.
Die heutigen Iran-Strikes waren seit Wochen erwartet. Trump hatte eine "massive Armada" angekündigt. Die Märkte hatten Zeit, sich vorzubereiten.
5. Der Ölpreis ist der Transmissionsriemen — aber er funktioniert anders als frueher
Der einzige Konflikt, der den S&P 500 in einem Jahr um -37% vernichtete, war der Jom-Kippur-Krieg 1973 — weil das Ölembargo den Ölpreis vervierfachte und eine globale Stagflation auslöste.
Aber die Welt von 2026 ist eine fundamental andere als 1973:
- Die USA sind heute der größte Ölproduzent der Welt (Schieferoelrevolution)
- Der OPEC+-Anteil an der globalen Produktion ist von 44% (1978) auf 34% gesunken
- Es gibt rund 5,4 Millionen Barrel pro Tag an Reservekapazität
- Im Juni 2025 stiegen die Ölpreise nach den Israel-Iran-Strikes um 7,1% — und fielen wenige Tage spaeter wieder auf Vorniveau
Die Ölmaerkte haben geopolitisches Risiko im Nahen Osten im Juni 2025 weitgehend ignoriert. Der Oel-Analyst von PIIE brachte es auf den Punkt: Drei strukturelle Verschiebungen begrenzen die Preisreaktion — sicherere westliche Produktion, China als Käufer letzter Instanz, und Produzenten, die gelernt haben, dass Öl ein zweischneidiges Schwert ist.
Das Risiko-Szenario: Wann wird es wirklich gefaehrlich?
Es gibt genau ein Szenario, bei dem die Geschichte weniger beruhigend ist: eine Blockade der Straße von Hormuz.
Durch diese Meerenge fliessen taeglich rund 20 Millionen Barrel Öl — ein Drittel des weltweiten Seeoel-Transports. Die Dallas Fed hat berechnet, dass eine Schliessung den WTI-Ölpreis auf 100 Dollar pro Barrel treiben und die US-Headline-Inflation um 1,3 Prozentpunkte anheben wuerde.
Das wäre das einzige Szenario, das historisch vergleichbar mit dem Jom-Kippur-Krieg 1973 wäre.
Bisher gibt es keine Anzeichen, dass der Iran die Straße von Hormuz blockiert. Aber es ist das Risiko, das wir beobachten müssen.
Sektoren: Wer gewinnt, wer verliert
Die Reaktion im Juni 2025 nach den ersten Iran-Strikes gibt uns eine Blaupause:
Gewinner:
- Rüstungsaktien: Lockheed Martin +3,7%, General Dynamics +1,1% am Tag der Strikes
- Energieaktien: Profiteure steigender Ölpreise
- Gold: Anstieg auf Nähe des Rekordhochs als sicherer Hafen
- US-Dollar: Stärke geggennüber anderen Währungen
Verlierer:
- Airlines: United -4,4%, Delta -3,8%, American Airlines -4,9%, Lufthansa -2,8%
- Kreuzfahrt: Norwegian -5%, Carnival -4,9%, Royal Caribbean -2,9%
- Reise allgemein: Expedia -3,5%
Eine NBER-Studie ueber den Zeitraum 1937 bis 2017 zeigt, dass höhere Militärausgaben die Aktienvolatilität bei Rüstungsunternehmen und verwandten Industrien sogar senken — weil staatliche Auftraege stabile Einnahmequellen schaffen.
Die große Perspektive: 10.000 Dollar durch alle Kriege hindurch
Vielleicht das eindrucksvollste Bild: Hättest du 1970 genau 10.000 Dollar in den S&P 500 investiert und sie durch Vietnamkrieg, Oelembargo, Golfkrieg, 9/11, Irakkrieg, Finanzkrise, Ukraine-Krieg und alle anderen Konflikte hindurch einfach liegen lassen — waeren daraus bis Ende 2025 ueber 3,4 Millionen Dollar geworden.
Daten von First Trust zeigen: Die durchschnittliche jährliche Gesamtrendite des S&P 500 lag ueber diesen Zeitraum bei 11,04% pro Jahr — trotz allem.
Kriege sind menschliche Tragödien. Aber für langfristige Investoren war Panikverkauf bei geopolitischen Schocks historisch fast immer der groessere Fehler als investiert zu bleiben.
Was das fuer dein Portfolio bedeutet
Wir wissen nicht, wie sich die Situation im Iran entwickelt. Niemand weiss das. Aber wir wissen folgendes:
Die durchschnittliche Erholung nach einem geopolitischen Schock dauert 18 bis 47 Handelstage. Bei erwarteten Konflikten wie diesem oft noch weniger.
Die fundamentale Qualitaet deiner Unternehmen aendert sich nicht durch Bomben auf Teheran. Ein Unternehmen mit starkem Moat, solider Bilanz und attraktiver Bewertung ist am Montag genauso viel wert wie am Freitag.
Das einzige, was sich ändert, ist die kurzfristige Stimmung. Und das ist bereits im Vorfeld passiert bei diesem Konflikt. Und Stimmung ist ein schlechter Anlageberater.
Unsere Haltung:
- Keine Panikverkäufe. Die Geschichte zeigt eindeutig, dass dies fast immer ein Fehler ist.
- Beobachten, nicht reagieren. Wir beobachten die Oelpreisentwicklung und die Strasse von Hormuz als entscheidende Indikatoren.
- Qualität hält. Unternehmen mit hohen Kapitalrenditen, starken Bilanzen und dauerhaften Wettbewerbsvorteilen haben jede Krise der letzten 100 Jahre überlebt.
- Potenzielle Chancen identifizieren. Wenn der Markt am Montag überreagiert, könnten sich Einstiegsgelegenheiten bei Qualitätsaktien ergeben.
Wir melden uns Anfang nächster Woche mit einem konkreten Update, sobald die Märkte reagiert haben.
Bleibt ruhig. Bleibt investiert. Bleibt rational.
Disclaimer
Keine Anlageberatung. Alle Inhalte spiegeln die persoenliche Meinung des Autors wider und stellen keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Jede Investitionsentscheidung erfolgt auf eigenes Risiko. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlaesslicher Indikator fuer kuenftige Ergebnisse. Der Autor ist in den genannten Wertpapieren teilweise selbst investiert.
Datenquellen: First Trust / Ken French Data Library (CRSP-Datenbank), LPL Research, J.P. Morgan Private Bank, Citigroup Global Wealth Report 2024, Invesco Education Series, Hartford Funds / Ned Davis Research, CFA Institute, Dallas Federal Reserve, CSIS, PIIE. Alle Daten oeffentlich zugaenglich.