Manchmal ist die beste Nachricht über ein Unternehmen die, die niemand hören will. Wir waren von 151 € auf über 310 € in nur 14 Monaten dabei.
Ein Konzern aus unserem Portfolio hat gerade das stärkste Umsatzwachstum seit Jahren gemeldet — zweistellig, mit einem Cloud-Geschäft, das sich in Richtung Verdopplung bewegt. Der ausgewiesene Gewinn je Aktie lag beim Dreifachen dessen, was der Markt erwartet hatte.
Wir haben trotzdem verkauft. Zum zweiten Mal innerhalb von neun Wochen.
Der Grund steht nicht in der Gewinn- und Verlustrechnung, sondern zwei Seiten weiter hinten — dort, wo sich zeigt, wie viel Geld am Ende tatsächlich beim Eigentümer ankommt. Und genau diese Zahl war zuletzt zum ersten Mal seit dem Börsengang 2004 negativ.
Warum ein Rekordquartal für uns ein Verkaufssignal war, welchen Teil der Position wir bewusst behalten — und was der spektakuläre Gewinnsprung in Wahrheit war.
Was wir gemacht haben
Am 8. September 2026 haben wir eine weitere Tranche unserer Alphabet-Position (WKN A14Y6F) verkauft: 3,4566 Anteile zu 289,30 €, ein Gegenwert von 1.000 €. Es ist der zweite Teilverkauf nach dem 6. Juli 2026, an dem wir 8,7416 Anteile zu 312,45 € abgegeben hatten.
Die Position im Überblick
| Käufe (3 Tranchen, Jun–Okt 2025) | 3.000 € · Ø-Einstand 171,57 € |
| Verkauf 06.07.2026 | 8,7416 Anteile · 312,45 € |
| Verkauf 08.09.2026 | 3,4566 Anteile · 289,30 € |
| Realisiert (brutto) | +1.806,96 € · +93,90 % |
| Verbleibende Position | 5,2877 Anteile · rund 1.510 € |
| Interner Zinsfuß der Position | 21,3 % |
Damit ist der gesamte ursprünglich eingesetzte Betrag von 3.000 € zurückgeflossen — plus Überschuss. Die verbleibenden gut 1.500 € laufen auf Rechnung des Marktes, nicht mehr auf unserer. Das ist die Definition von "sein Geld für sich arbeiten zu lassen".
Warum wir verkauft haben
1. Das Geschäft ist stark. Die Eigentümerrendite ist es nicht mehr.
Im zweiten Quartal 2026 lag der Umsatz bei 119,8 Mrd. USD, ein Plus von 24 %; Google Cloud wuchs um 82 % auf 24,8 Mrd. USD. Operativ ist das herausragend. Nur: Bei einem Investitionsvolumen von 44,9 Mrd. USD im Quartal — doppelt so viel wie ein Jahr zuvor — stand einem operativen Cashflow von 39,1 Mrd. USD ein freier Cashflow von –5,9 Mrd. USD gegenüber. Das erste negative FCF-Quartal seit dem Börsengang 2004.
Wir bewerten Unternehmen auch danach, wie viel eingesetztes Kapital sie in freien Cashflow verwandeln. Wenn diese Größe negativ wird, ist das kein Detail, sondern der Kern der Sache. Ursache sind die wahnsinnigen Investitionen in KI-Rechenzentren, die die Rendite- und Kapitalstruktur des Hyperscalers verändern. Wir schauen lieber dahin, wohin dieses Geld jetzt fließt. Wie beispielsweise bei unserer SK Hynix Position.
2. Der Gewinnsprung war überwiegend Papier.
Die gemeldeten 9,11 USD je Aktie gegenüber rund 2,90 USD Erwartung sahen spektakulär aus. Rund 6,26 USD davon stammten aus einem Bewertungsgewinn auf Beteiligungen — kein Cash, kein operatives Ergebnis. Bereinigt bleiben etwa 2,85 USD. Genau dieser Effekt lässt die Aktie auf Basis des erwarteten Gewinns optisch billig erscheinen. Sie ist es nicht.
3. Die Investitionsphase ist kein Ausrutscher.
Das Management hat die Capex-Prognose für 2026 auf 195–205 Mrd. USD angehoben — nach 180–190 Mrd. USD ein Quartal zuvor — und für 2027 einen weiteren deutlichen Anstieg angekündigt. Die vertraglichen Abnahmeverpflichtungen liegen bei rund 811 Mrd. USD. Parallel wurden die Aktienrückkäufe ausgesetzt.
Aus Eigentümersicht heißt das: Der Gewinn fließt für die absehbare Zukunft in Rechenzentren, nicht an uns. Ob sich diese Investitionen rentieren, entscheidet sich frühestens 2028. Das kann gut ausgehen. Es ist aber eine Wette auf einen Kapitalzyklus — und nicht mehr das planbare, kapitalarme Geschäftsmodell, für das wir 2025 eingestiegen sind.
4. Der Preis hat die Arbeit für uns erledigt.
Von 151 € auf über 310 € in vierzehn Monaten: Der Markt hat die AI-Story vollständig eingepreist, bevor der erste Dollar an Rendite aus den Investitionen zurückgeflossen ist. Genau an dieser Stelle verkaufen wir — nicht, weil das Unternehmen schlechter geworden ist, sondern weil der Preis die künftige Rendite vorweggenommen hat.
Was wir behalten — und warum
Wir halten bewusst rund 30 % der ursprünglichen Stückzahl. Alphabet bleibt eines der bestpositionierten Unternehmen der Welt: Suchmonopol, TPU-Eigenentwicklung, ein Cloud-Backlog von 514 Mrd. USD und eine Bilanz, die diesen Kraftakt problemlos trägt. Sollte der Kapitalzyklus drehen und der freie Cashflow zurückkommen, sind wir dabei.
Aber wir sind mit einem Einsatz dabei, den wir bereits verdient haben.
Fazit
Kein Ausstieg, sondern eine Rückkehr zur richtigen Positionsgröße. Wir haben zwei Drittel der Anteile mit knapp +94 % realisiert und das gesamte eingesetzte Kapital zurückgeholt. Der Rest bleibt liegen — ohne Nachkauf, ohne Zielkurs, ohne Eile.
Für ein Unternehmen, das gerade 200 Mrd. USD im Jahr investiert, seine Rückkäufe pausiert und dessen Gewinnsprung zu zwei Dritteln aus Bewertungseffekten besteht, ist das aktuelle Kursniveau kein attraktiver Einstiegspreis. Wir warten auf Quartale, in denen der freie Cashflow wieder zeigt, was die Investitionen wert waren.
Offenlegung: Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung eine Restposition in Alphabet. Dieser Beitrag ist eine allgemeine Markt- und Unternehmensanalyse zu Bildungszwecken und stellt keine individuelle Anlageempfehlung, Anlageberatung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Aktienanlagen sind mit dem Risiko des Totalverlusts verbunden. Keine Affiliate-Links, keine Broker-Provisionen.