Die KI-Rally wird oft erzählt, als wäre sie ein einziger Trade: Nvidia kaufen, zurücklehnen, abwarten. So funktioniert sie nicht. Was sich seit dem Start des KI-Booms an den Märkten abspielt, ist eher eine Bewegung in Wellen — der Markt sucht sich nacheinander unterschiedliche Profiteure entlang der Wertschöpfungskette. Wer diese Logik versteht, versteht auch, warum die letzte Welle die rutschigste ist.
Und gleich vorweg, weil der Begriff „Welle" an der Börse missverständlich ist: Es geht hier nicht um Chartmuster oder Wellen-Esoterik. Es geht um eine schlichte ökonomische Beobachtung — Gewinne wandern von einer Stufe der Wertschöpfungskette zur nächsten.

Welle 1: Die offensichtlichen Gewinner
Zuerst stiegen die Unternehmen, ohne die KI technisch kaum möglich wäre — die Anbieter der Rechenleistung. Nvidia als dominierender Lieferant der KI-Chips, dazu die großen Cloud-Konzerne, die im großen Stil Rechenzentren bauen. Die Logik war simpel und direkt: KI braucht Rechenleistung, Rechenleistung braucht Chips und Cloud — also profitieren die zuerst, die genau das verkaufen. Die Schaufelverkäufer im Goldrausch. Genau deshalb wurden sie aber auch früh hoch bewertet. Irgendwann stellt sich die Frage: Wie viel künftiger Erfolg steckt schon im Kurs?
Welle 2: Die Engpass-Gewinner
Dann wanderte der Blick des Marktes eine Stufe tiefer in die Lieferkette. Denn ein KI-Rechenzentrum besteht nicht nur aus GPUs. Es braucht Speicherchips, Netzwerktechnik, Stromversorgung, Kühlung — eine ganze Infrastruktur. Wenn die Großen ihre Rechenzentren ausbauen, verdienen auch jene Zulieferer mit, die an einem echten Engpass sitzen.
Das ist ein typisches Muster an der Börse: Erst steigen die offensichtlichsten Gewinner, dann sucht der Markt die nächsten Profiteure eine Ebene darunter. Der Zusammenhang ist hier noch fast genauso direkt wie in Welle 1.
Welle 3: Die Anwender
Die dritte Welle ist die spannendste — und die unsicherste. Sie betrifft Unternehmen, die KI nicht bereitstellen, sondern einsetzen: Firmen, die mit KI ihre Kosten senken, Prozesse automatisieren, Margen verbessern. Vom Einzelhandel bis zum Industriekonzern. Die Erzählung lautet: Erst verdienen die Schaufelverkäufer am Goldrausch, danach müssen die eigentlichen Anwender zeigen, dass sie mit KI ihre Gewinne steigern.
Und genau hier wird es interessant. Denn diese letzte Welle beruht auf einer Annahme, die viele Anleger ungeprüft übernehmen.
Der Denkfehler: Produktivität ist nicht Gewinn
Die meisten fragen: „Welche Branche wird durch KI effizienter?" Das ist die falsche Frage.
Steigende Produktivität bedeutet zunächst nur, dass mit demselben Aufwand mehr herauskommt — oder dasselbe mit weniger Kosten. Wer diesen Vorteil am Ende behält, ist eine völlig andere Frage. Und die Antwort entscheidet darüber, ob aus Produktivität überhaupt Gewinn wird.
Ein Produktivitätsgewinn kann an vier Stellen landen:
- Bei den Kunden. Wenn alle Wettbewerber dieselbe KI nutzen, entsteht Preiswettbewerb. Die Ersparnis wird weitergereicht — günstigere Preise, aber keine höhere Marge.
- Bei den Mitarbeitern. Knappe, gefragte Qualifikationen können höhere Löhne durchsetzen. Ein Teil des Mehrwerts landet beim Personal.
- Bei den KI-Anbietern. Wer für Cloud, Tools und Infrastruktur zahlt, gibt einen Teil des Gewinns direkt an die Anbieter aus Welle 1 weiter.
- Beim Unternehmen selbst. Nur was nach diesen drei Abflüssen übrig bleibt, erhöht tatsächlich den Gewinn.
In einem hart umkämpften Markt passiert meist Folgendes: Ein Unternehmen nutzt KI, die Kosten sinken, die Marge steigt — kurz. Dann ziehen die Wettbewerber nach, auch deren Kosten sinken, die Preise fallen, der Vorteil landet beim Kunden. Übrig bleibt für alle dieselbe Rendite, nur auf effizienterer Kostenbasis. Ökonomen nennen das die Sozialisierung des Produktivitätsfortschritts: gut für die Gesellschaft, für den einzelnen Aktionär aber oft neutral.
Die entscheidende Eigenschaft: Wer kann den Gewinn verteidigen?
Dauerhaft beim Unternehmen bleibt der Vorteil nur, wenn es ihn verteidigen kann. Die Stichworte:
- Preissetzungsmacht — starke Marken, Spezialanbieter, Abo-Modelle, die Kostenvorteile nicht weitergeben müssen.
- Oligopol-Strukturen — wenige Anbieter, die nicht aggressiv über den Preis konkurrieren.
- Skalenvorteile — wenn KI die Großen überproportional stärker macht als die Kleinen.
- Proprietäre Daten und Prozesse — ein KI-System, das nicht einfach kopierbar ist, weil es auf eigenen Daten und tief integriertem Know-how beruht.
- Hohe Wechselkosten — Kunden, die nicht ohne Weiteres zur Konkurrenz wechseln können.
- Eintrittsbarrieren — regulatorisch oder kapitalintensiv, sodass nicht einfach neue Wettbewerber nachrücken.
Das ist nichts anderes als der Burggraben (englisch: Moat) — eine der zentralen Eigenschaften, nach denen wir jedes Unternehmen prüfen, bevor wir es überhaupt in Betracht ziehen. Der Unterschied lässt sich auf eine Formel bringen:
KI als frei verfügbare Standardtechnologie wird wegkonkurriert. KI plus struktureller Burggraben bleibt beim Unternehmen.
Was das für die drei Wellen bedeutet
Deshalb sind die ersten beiden Wellen analytisch belastbarer als die dritte. Bei den Infrastruktur- und Engpass-Anbietern ist der Zusammenhang kurz und direkt: mehr KI-Nachfrage → mehr Chips und Rechenleistung → mehr Umsatz.
Bei den Anwenderbranchen ist die Kette dagegen lang und brüchig: KI-Nutzung → mögliche Produktivität → möglicheMargenverbesserung → möglicher Gewinnanstieg. Drei „möglich" hintereinander ergeben noch keinen Investmentcase.
Das heißt nicht, dass es in Welle 3 keine Gewinner gibt. Es heißt, dass man genauer hinsehen muss. Die richtige Frage lautet nicht „Wen macht KI effizienter?", sondern „Wer hat genug Marktmacht, um die Effizienz in echten, dauerhaften Gewinn zu verwandeln?"
Wie wir selbst positioniert sind
Das schlägt sich auch in unserer eigenen Aufstellung nieder. Unsere aktuellen KI-Positionen sitzen bewusst in den ersten beiden Wellen — dort, wo der Zusammenhang zwischen KI-Nachfrage und Unternehmensgewinn direkt ist und ein verteidigbarer Burggraben besteht:
- NVIDIA — Welle 1. Dominanz bei KI-Chips, hohe Wechselkosten durch das über Jahre gewachsene Software-Ökosystem rund um die Hardware. Seit Kauf: +95,92 % gesamt (TTWROR) · IZF +79,48 %.
- TSMC — der Engpass hinter dem Engpass. Nahezu jeder fortschrittliche KI-Chip läuft durch diese Fertigung; die Führung in der Spitzenfertigung ist kapital- und Know-how-intensiv kaum angreifbar. Seit Kauf: +45,67 % gesamt (TTWROR) · IZF +71,05 %.
- SK Hynix — Welle 2. Führend beim Hochleistungsspeicher (HBM), den moderne KI-Beschleuniger zwingend brauchen. Seit Kauf: +479,55 % gesamt (TTWROR) · IZF +1.380,53 %.
- Alphabet — Cloud-Anbieter und zugleich Anwender mit proprietären Daten und Skalenvorteilen: eine seltene Kombination aus beiden Seiten der Wertschöpfungskette. Seit Kauf: +97,00 % gesamt (TTWROR) · IZF +85,59 %.
Warum wir aktuell halten und nicht verkaufen? Solange die Grundthese trägt — die Nachfrage nach Rechenleistung wächst, der Engpass bleibt bestehen — und die fundamentale Qualität dieser Unternehmen intakt ist, gibt es keinen Anlass, eine funktionierende These wegen kurzfristiger Kursbewegungen oder einer reinen Narrativ-Rotation aufzugeben. Wir handeln Geschäftsmodelle, keine Stimmungen. Verkauft wird, wenn die These bricht oder die Bewertung in Extreme läuft — nicht, weil eine Position gut gelaufen ist.
Fazit
Die Wellentheorie ist die schlichte Beobachtung, dass sich Gewinne entlang einer Wertschöpfungskette bewegen — und dass jede Welle kritischer geprüft werden muss als die vorige. Wer im KI-Boom investiert, sollte nicht fragen, welche Aktie gerade läuft, sondern wer den Gewinn am Ende wirklich behält.
Genau diese Frage — Burggraben, Preissetzungsmacht, Verteidigungsfähigkeit — steht bei jeder unserer Analysen am Anfang, nicht am Ende und bestimmt darüber, wer die großen Gewinner der nächsten KI-Welle sind.
Wer mitdenken statt dem nächsten Hype hinterherlaufen will: Im kostenlosen Freedom Club auf Telegram diskutieren wir solche Zusammenhänge offen — und im Freedom Capital Club zeigen wir, wie wir sie auf konkrete Unternehmen anwenden.
⚠️ Keine Anlageberatung. Dieser Beitrag spiegelt die persönliche Meinung des Autors wider und stellt keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Offenlegung: Der Autor ist in den genannten Werten NVIDIA, TSMC, SK Hynix und Alphabet selbst investiert. Jede Investitionsentscheidung erfolgt auf eigenes Risiko. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse.